„ Überall ein höheres Niveau“
Richard Golz sucht Führungskräfte für Proficlubs und Sportverbände. Der Personalberater kann auf mehr als 20 Jahre Erfahrung als Bundesliga-Torwart zurückblicken. Im Interview spricht er über Besonderheiten der Branche, über Wachstum und Wandel.
Interview Christian Paul
Herr Golz, Sie waren zwischen 1987 und 2008 Profitorwart, zunächst beim Hamburger SV. In die dortige Jugendabteilung wechselten Sie aus Ihrer Heimatstadt Berlin. Wissen Sie noch, wer Sie damals entdeckt hat?
RICHARD GOLZ: Also, mit dem heutigen Scouting lässt sich das nicht vergleichen. (lacht) Das war 1985, damals stand noch die Mauer. Dass Spieler im Jugendalter Berlin verließen, war eher ungewöhnlich.
Warum und durch wen taten Sie es dennoch?
GOLZ: Mein ehemaliger Trainer beim SC Tegel war befreundet mit Uwe Kliemann, damals Trainer von Hertha BSC. Und Uwe Kliemann war wiederum befreundet mit Gerd-Volker Schock, damals beim Hamburger SV Jugendkoordinator. Dessen Auftrag lautete, einen jungen Torwart zu finden, wenn der Vertrag von Uwe Hain auslaufen würde, um dann hinter Uli Stein die Nummer zwei zu sein. Schock fragte also Kliemann. Der fragte meinen Trainer, und der empfahl mich. Bei einer Sichtungsmaßnahme in Duisburg hat Schock mich dann beobachtet. Kurz darauf stand ich im Hamburger Volksparkstadion und schaute mich bei meinem neuen Club um.
Seit 2018 sind Sie als Personalberater für den Bereich „Sports“ bei HAGER Executive Consulting damit beschäftigt, Fach- und Führungskräfte im Sportumfeld zu besetzen. Was zeichnet die Fußballbranche aus?
GOLZ: Fußball verbindet und ist hochemotional. Er lässt eigentlich kaum jemanden kalt. Ich persönlich empfinde die Branche darüber hinaus größtenteils immer noch als eine mit einem familiären Touch.
Lange reichte es, selbst einmal in der Bundesliga oder 2. Bundesliga auf dem Platz gestanden zu haben, um danach im Profifußball zu arbeiten. Wie sehen Sie die Situation heute?
GOLZ: Der Weg für frühere Profis zur zweiten Karriere verläuft jetzt ganz anders als damals. Werder Bremen zum Beispiel bietet Traineeprogramme für ehemalige Profis an, die sie durch verschiedene Abteilungen des Clubs führen, um herauszufinden, ob eine Karriere dort vorstellbar wäre. Auf der anderen Seite ist der Markt an Fortbildungen und Studiengängen geradezu unüberschaubar geworden. DFL und DFB bieten den Managementlehrgang und einige andere Programme, um auf die Zeit danach vorzubereiten. Es herrscht überall ein höheres Niveau.
Inzwischen sind mehr als 60.000 Menschen im und um den deutschen Profifußball beschäftigt. Was sind die Herausforderungen durch schnelles Wachstum in der Belegschaft eines Clubs?
GOLZ: Jeder Verein hat seine eigene Kultur. Wer schnell viele Neueinstellungen vornimmt und diesen Prozess nicht aktiv begleitet, Stichwort Onboarding, kann eine Menge falsch machen. Denn bei aller Fachlichkeit gilt: Am Ende müssen immer der Mensch und die Persönlichkeit in die Organisation passen.
Welche Bereiche oder Abteilungen boomen derzeit bei den Clubs – und warum?
GOLZ: Ich beobachte, dass das Thema Sponsoring immer differenzierter bearbeitet wird. Da werden die Partner möglichst individuell betreut und miteinander vernetzt, um Synergien zu schaffen. Der Verein fungiert quasi wie ein Business Club.
Was macht für Sie eine gute Personalabteilung im Profifußball aus?
GOLZ: Da wiederum zählt, was für alle anderen Unternehmen auch zählt – eine gute Mitarbeiterentwicklung. Also individuelle Angebote zur Weiterbildung, die passgenaue Begleitung der Angestellten. Denn auch wenn Fußballclubs mit einem hochemotionalen Arbeitsumfeld werben können, stehen sie in Konkurrenz zu anderen Firmen. Gerade vielen jüngeren Menschen ist heute zudem wichtig zu wissen: Wofür steht mein Verein? Für welche Werte? Sowohl politisch als auch gesellschaftlich. Da geht es auch um das Thema Haltung.
Wie haben Sie als Profi die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Geschäftsstelle wahrgenommen?
GOLZ: Beides gab es damals ja noch gar nicht in der heutigen Form. Also weder die Geschäftsstellen noch die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und mit den wenigen hatte man meist nur Kontakt, wenn man Tickets für das nächste Spiel brauchte.
Und wie sehen Sie das heute?
GOLZ: Die Clubs sind auf allen Ebenen enorm gewachsen, nicht nur im sportlichen Bereich. Viele Abteilungen haben sich sehr stark ausdifferenziert und spezialisiert. Schauen wir uns nur den Bereich Content an. Das geht längst über die Produktion von Trainingsbildern hinaus. Die Clubs sind Medienhäuser geworden, wie ja auch die DFL.
Wie lief nach Ihrem Karriereende als Torwart Ihr beruflicher Wechsel ab?
GOLZ: Nach meiner Zeit als Torwarttrainer bei Hertha BSC wollte ich bewusst mal aus der Fußball-Bubble raus und habe unter anderem für ein Start-up im Bereich Digitalisierung gearbeitet. HAGER suchte dann jemanden für den Aufbau der Business Unit „Sports“. Einer der Geschäftsführer hatte einen guten Draht zu Dirk Dufner, den ich zu seiner Zeit als Sportdirektor beim Sport-Club Freiburg kennengelernt hatte. So kam der Kontakt zustande.
Abgesehen von Ihrem Netzwerk: Was hilft Ihnen in Ihrem Job aus Ihrer Zeit als Torwart?
GOLZ: Mein Beruf besteht zu einem erheblichen Teil auch aus Akquise. Du bist immer auf der Jagd nach dem nächsten Projekt und bekommst fast immer ein Nein zu hören, wenn du mit potenziellen Auftraggebern sprichst. Mit Niederlagen umzugehen und danach schnell weiterzumachen, lernt man im Fußball natürlich par excellence.
Herr Golz, vielen Dank für dieses Gespräch.
DER AUTOR
Christian Paul ist Chefredakteur von BUNDESLIGA.