„Ganz weg vom Fußball werde ich nicht kommen“
Die Saison 2021/22 soll die letzte für Rudi Völler als Geschäftsführer Sport bei Bayer 04 Leverkusen sein. Und dann? Ein Interview über Abschied und Aufbruch.
Interview Christian Eichler
Fotos exklusiv für das DFL MAGAZIN Markus Burke
Herr Völler, kommen Sie in dieser Saison von jedem Auswärtsspiel mit einem Blumenstrauß nach Hause?
RUDI VÖLLER: Ich hoffe nicht. (lacht) Ich kenne das, das war schon in meiner letzten Saison als Spieler vor 25 Jahren so. Ein Vereinsverantwortlicher fing vor Weihnachten damit an, mir ein Präsent zu überreichen. Von da an bekam ich bei jedem Auswärtsspiel etwas geschenkt. Das war schön, aber auch ein bisschen unangenehm: mitten im Abstiegskampf vor fast jedem Spiel im Fokus zu stehen, mit einem Geschenk in der Hand. Wenn wir oben in der Tabelle gestanden hätten, wäre das anders gewesen.
Der Abstiegskampf dürfte Ihnen diesmal kaum drohen, schließlich hat Bayer 04 Leverkusen in den vergangenen zwölf Spielzeiten fünf Mal die Qualifikation für die UEFA Champions League geschafft, sechs Mal die UEFA Europa League erreicht.
VÖLLER: Man sollte sich nie zu sicher sein. Vor vier Jahren sind wir in der Rückrunde der Bundesliga unten reingerutscht, und das nach einer guten Gruppenphase in der Champions League. Erst am vorletzten Spieltag waren wir rechnerisch durch. Aber insgesamt haben wir das über die vergangenen zwei Jahrzehnte sehr gut gemacht. Wir haben meist attraktiven Fußball gespielt, hatten viele tolle Spieler und mit der Bayer AG einen tollen Partner.
Aber eine Trophäe in der Hand zu halten, ist nie gelungen.
VÖLLER: Wir lechzen natürlich nach einem Titel. In den vergangenen 15 Jahren DFB-Pokalsieger zu werden oder die Europa League zu gewinnen, das hat schon im Bereich des Möglichen gelegen. Wir haben es leider nicht geschafft. Ich finde aber, es wird von Teilen der Öffentlichkeit zu wenig wertgeschätzt, wie schwer das Erreichen der Champions League ist. Das ist eigentlich ähnlich einzuordnen wie ein Pokalsieg – finanziell sogar lukrativer und für die weitere Entwicklung entscheidender. Doch es wird von Außenstehenden weniger gewürdigt, weil du danach keinen Pokal in der Hand hast.
Nun wird es Ihre letzte Saison bei Bayer 04 Leverkusen und damit, nach fast 45 Jahren, Ihre letzte im Profifußball. Wie fühlt sich das an, anders als sonst?
VÖLLER: Noch nicht. Aber es wird irgendwann kommen, dieses Gefühl. Mir war schon lange klar, dass es meine letzte Saison in dieser Form sein würde. Ich bin schon so lange dabei, und in den vergangenen zwei, drei Jahren habe ich doch gemerkt, dass mir ein paar Dinge, ein paar Abläufe schwerer gefallen sind. Genauso wie es am Ende meiner Zeit als aktiver Spieler war. Ich habe ja erst mit 36 aufgehört, wollte eigentlich nach meiner Zeit in Marseille nur noch eine Saison daheim in Deutschland spielen, dann wurden in Leverkusen zwei Jahre daraus. Die letzte Saison war dann nicht mehr gut, ich war oft verletzt, konnte nicht mehr Topleistungen bringen, und am Ende sind wir fast abgestiegen. So haben die Leute hier in Leverkusen den richtigen Rudi Völler ja gar nicht mehr erleben können. Erst danach, in anderen Funktionen.
Sie gingen danach bei Manager Reiner Calmund in die Lehre. Was haben Sie dabei gelernt?
VÖLLER: Dass man auch Entscheidungen treffen muss, die vielen nicht gefallen. Dass man Gegenwind aushalten muss. Und wenn man das Gefühl hat, nicht gut behandelt zu werden, muss man sich wehren. Das habe ich bei passender Gelegenheit auch gemacht, und es ist mir nicht schwergefallen. Ganz im Gegenteil: Auch in diesem Jahr werde ich das immer noch gern machen, wenn es notwendig ist.
Die Bandbreite Ihrer Karriere ist ziemlich einzigartig.
VÖLLER: Ja, ich werde in die Clubgeschichte mit etwas eingehen, das es so vermutlich kaum noch einmal geben wird: Ich war Spieler, Sportdirektor und auch Trainer. Zwei Mal bin ich ja eingesprungen, einmal nach der Trennung von Christoph Daum und einmal nach Klaus Augenthaler.
Und nebenbei auch noch Bundestrainer, als Sie nach der Trennung von Erich Ribbeck im Jahr 2000 in die entscheidende DFB-Sitzung als Bayer-Vertreter gingen und als Ribbeck-Nachfolger herauskamen.
VÖLLER: Man darf das nicht vergessen. Es ging damals da rum, das eine Jahr zu überbrücken, bis Christoph Daum übernehmen sollte. Am Ende wurden es vier. Und einige Wochen davon habe ich sogar parallel den Job als Bundestrainer und den als Interimstrainer bei Bayer 04 Leverkusen gemacht. In der Situation habe ich aber schnell gemerkt, dass beides nicht geht, und mich für die Nationalmannschaft entschieden.
Wäre ja auch schade, wenn nicht. Dann hätte der deutsche Fußball einen seiner schönsten Wutausbrüche verpasst.
VÖLLER: Ja, ich weiß schon. Ich habe so viel erlebt im Fußball – ob als Spieler, Trainer oder Manager. Ich war Weltmeister, Cham-pions-League-Sieger, ein paar Törchen habe ich auch gemacht, aber es gibt diese zwei Episoden, mit denen ich immer konfrontiert werde. Glauben Sie mir: Ich hätte auf beide lieber verzichtet, aber sie sind nun einmal Teil meines Fußballlebens. In Deutschland wird das immer das Interview mit Waldemar Hartmann in Island bleiben. Und im Rest der Welt die Geschichte mit Frank Rijkaard bei der WM 1990. Selbst wenn ich in Australien bin, fragt mich der Taxifahrer, wie das denn damals mit Rijkaard war.
Jetzt könnten Sie es ja verraten – wie das damals weiterging, nachdem Sie beide die Rote Karte gesehen hatten, er wegen des Spuckens und Sie völlig grundlos.
VÖLLER: Na ja, ich will es mal so ausdrücken: Wir hatten in der Kabine anschließend noch eine kleine Meinungsverschiedenheit. Dabei belassen wir es mal.
Die alten Geschichten werden Sie nun wohl wieder öfter hören. Die Saison wird zur Abschiedstournee. Erwarten Sie sentimentale Momente bei manchen Stationen: das letzte Mal in der Allianz Arena, das letzte Mal vor der Dortmunder Südtribüne?
VÖLLER: Nein, ich denke, ich werde diese Stadien weiterhin besuchen, nur eben nicht mehr regelmäßig und in verantwortlicher Position. Ich liebe ja den Fußball immer noch, gucke immer noch viele Spiele. Und das bald entspannter als bisher. Wenn du bei einem Club in der Verantwortung stehst, hält sich der Genuss an einem Fußballspiel hin und wieder in Grenzen. Man leidet ja oft mit.
„Ich liebe ja den Fußball immer noch“
Haben Sie auch bei der Europameisterschaft vergangenen Sommer gelitten?
VÖLLER: Nein, als Fußballfan habe ich die EM genossen und mich an den Spielen erfreut. Ich hatte natürlich auch die Vereinsbrille auf. Als Patrik Schick im ersten Spiel der Tschechen gegen Schottland von der Mittellinie traf, hatten wir hier in meinem Büro eine Sitzung, der Fernseher lief nebenher, und bei diesem Tor riss es uns alle von den Stühlen.
Und das deutsche Team?
VÖLLER: Bei unserer Mannschaft dachte ich nach dem Por-tugal-Spiel, jetzt kriegen wir noch mal die Kurve. Leider war es nicht so. Die Italiener sind Europameister geworden, hatten allerdings nicht die besseren Spieler als wir, aber das, was unserer Mannschaft bei diesem Turnier fehlte: als Einheit und mit Überzeugung aufzutreten. Nur so geht es. Bei den Engländern war es ähnlich. Die haben ja nicht alles in Grund und Boden gespielt, aber sie haben gebrannt.
Sind es im Fußball bei allen taktischen Fragen, allen Systemdiskussionen, bei allen Modernisierungen dann immer wieder diese uralten emotionalen Grundvoraussetzungen – Leidenschaft, Zusammenhalt, gute Stimmung im Team –, die den Erfolg ausmachen?
VÖLLER: Am Ende sind es genau diese Dinge, die über Gewinnen oder Verlieren entscheiden. Das ist in der Bundesliga genauso. Nur mit fußballerischen Qualitäten und taktischen Kniffen geht es nicht.
Sie selbst waren als Spieler jemand, der immer für Einsatz und Leidenschaft stand. Schon Ihr Laufstil hatte ja etwas Mitreißendes.
VÖLLER: Das sah aber wahrscheinlich nur so aus, weil ich nach einer halben Stunde immer schon kaputt war. Ärmel hochgekrempelt und dann gepustet wie ein Maikäfer, das sieht dann eben so aus, als ob du immer bis zum Letzten gekämpft hättest. (lacht) Aber im Ernst: Ich wusste, was meine Qualitäten waren. Egal wo ich spielte, ob in der Nationalmannschaft oder im Verein. Natürlich Tore schießen, Tore vorbereiten, Tempo und Dribblings, aber vor allem auch die richtige Grundeinstellung.
Oder auch mal einen Elfmeter rausholen, so wie im WM-Finale 1990?
VÖLLER: Na klar, damit gehe ich völlig entspannt um. Ich habe in meinem Leben natürlich ein paar Elfmeter bekommen, die nicht unbedingt welche waren. Auf der anderen Seite würde ich heute, mit dem Video-Assistenten, ganz viele bekommen, die ich damals nicht bekommen habe.
Beneiden Sie die Profis von heute?
VÖLLER: Die Spieler verdienen ja heute viel Geld, viel mehr als ich damals, obwohl auch ich gut verdient habe. Um was ich sie aber beneide, sind zwei andere Dinge. Erstens: dass du als Stürmer viel mehr geschützt wirst durch den Schiedsrichter und den Video-Assistenten. Und zweitens: die schönen Plätze. Ein Traum! Egal wo du spielst heute, Bundesliga, 2. Bundesliga, 3. Liga, jeder Platz ist grün, ist eben. Früher wusstest du: Spätestens im November, egal wo du spielst, springen dir die Bälle weg. Das gibt es heute nicht mehr.
Sie werden 62 sein, wenn Sie am Ende der Saison aufhören. Was machen Sie dann? Reizen Sie andere Aufgaben im Fußball? Fernsehen, Aufsichtsrat, so etwas?
VÖLLER: Ob Fernsehen, Aufsichtsrat, andere Jobs bei anderen Clubs: Ich hatte in den Jahren immer wieder Anfragen. Ich werde das in den nächsten Monaten entscheiden. Ich denke, ganz weg vom Fußball werde ich nicht kommen. Nur nicht mehr in der intensiven Form wie bisher, jeden Tag, jedes Wochenende. Das ist genau das, was ich nicht mehr will. Aber natürlich schlägt mein Herz weiterhin für Bayer Leverkusen, und ich werde immer mit diesem Club in Verbindung gebracht werden.
Sie können auch Ihren Sohn Marco beraten, der nach einer Basketball-Karriere ins Management des Frankfurter Bundesliga-Clubs FRAPORT SKYLINERS einsteigt.
VÖLLER: Wir haben dazu schon häufiger telefoniert. Er brennt für die Aufgabe, hat gute Ideen. Er hat neben der aktiven Karriere ein Sportmanagement-Studium absolviert und schon immer darauf geschielt, in dieses Geschäft einzusteigen. Das hat sich jetzt ergeben. Ich versuche immer, im Urlaub meine fünf Kinder irgendwie zusammenzuhaben. Das haben wir diesen Sommer wieder geschafft, Marco war auch ein paar Tage da, da haben wir über seine neue Aufgabe gesprochen. Und wie das eben so ist in diesem Job, musste er auch in dieser Auszeit schon ein paar Mal mit dem Trainer telefonieren, um Dinge abzuklären.
Er sagt, Sie hätten ihm geraten: Spiel, solange du kannst, es ist die schönste Zeit.
VÖLLER: Ja, das sage ich aber nicht nur meinem Sohn, das sage ich allen. In meinem Leben war die schönste Zeit die als Fußballer. Ein Traumberuf. Ich habe nie negativen Druck gespürt, auch wenn ich mal ein Spiel verloren oder einen Elfmeter verschossen habe. Aber nach 19 Jahren als Profi konnte ich einfach nicht mehr. Aus meinem Körper habe ich alles rausgeholt.
Und treiben Sport heute noch, um fit zu bleiben?
VÖLLER: Genau. Ein bisschen durchschwitzen, zwei-, dreimal die Woche, das tut gut. Aber nicht mehr jeden Tag. Früher bin ich ohne Ball nicht gern gelaufen. Heute schon, weil ich dann den Kopf frei bekomme. Und weil ich einfach nicht gern Fahrrad fahre.
Warum nicht?
VÖLLER: Ich weiß, das ist mittlerweile auch durch Corona Volkssport Nummer eins. Aber ich fahre nur ganz selten. Und wenn, dann trage ich keinen Helm, obwohl man das ja eigentlich sollte, sondern meine Eddy-Merckx-Mütze, verkehrt herum, so wie der Eddy die früher aufgezogen hat.
Es gibt ja auch E-Bikes …
VÖLLER: … ja, aber das ist doch irgendwie Beschiss, das ist ja Ma-terial-Doping. (lacht)
44 Jahre im Profifußball, fast pausenlos. Was begeistert Sie immer noch so daran?
VÖLLER: Wenn Fußball dein Ding ist, du ihn schon als kleiner Junge geliebt hast, und du machst den Fußball dann zum Beruf, erst als Spieler, dann in anderen Rollen, dann ist das ein großes Geschenk. Das kann natürlich auch anstrengend sein, vor allem im Misserfolg. Am Ende einer Saison war ich immer froh, mal durchzuatmen. Aber nach ein, zwei Wochen Urlaub fange ich immer an zu suchen: Gibt es irgendwo ein Spiel im Fernsehen?
Was wird die lebendigste Erinnerung bleiben?
VÖLLER: Schwer zu sagen. Ich kann mich auch über vermeintlich kleine Dinge freuen. Im Laufe einer so langen Karriere gibt es viele wunderbare Momente, nicht nur in gewonnenen Endspielen. Man muss nicht immer einen Pokal in der Hand halten. Klar ist ein WM-Titel schon das Größte. Oder der wunderbare Abend mit Marseille in München, als wir die Champions League gewannen. Aber auch Siege, deren Wert sich erst auf den zweiten Blick zeigt. Als wir 1996 das letzte Spiel im Kampf gegen den Abstieg gegen den 1. FC Kaiserslautern hatten: Ich war Kapitän, und wir stiegen nicht ab, das war etwas ganz Besonderes. Danach gab es keine Trophäe, nur eine Kiste Bier in der Kabine. Aber dieser Kasten war in diesem Moment wichtiger als jeder Pokal.
Herr Völler, vielen Dank für dieses Gespräch.
DER AUTOR Christian Eichler ist nach 32 Jahren bei der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, zuletzt als Sportkorrespondent in München, als freier Autor tätig.
Vita
RUDI VÖLLER Geboren am 13. April 1960 in Hanau. Verheiratet, fünf Kinder.
Sportliche Stationen
1968–1975 TSV 1860 HANAU
1975–1980 KICKERS OFFENBACH
1980–1982 TSV 1860 MÜNCHEN
1982–1987 SV WERDER BREMEN
1987–1992 AS ROM
1992–1994 OLYMPIQUE MARSEILLE
1994–1996 BAYER 04 LEVERKUSEN
90 A-Länderspiele (47 Tore); Weltmeister 1990; Vizeweltmeister 1986; Vizeeuropameis ter 1992; Champions-League-Sieger 1993; Italienischer Pokalsieger 1991; Torschützenkönig des UEFA-Pokals 1991; 232 Bundesliga-Spiele (132 Tore); Deutschlands „Fußballer des Jahres“ 1983; Bundesliga-Torschützenkönig 1982/83; 111 Spiele 2. Bundesliga (55 Tore); Torschützenkönig der 2. Bundesliga 1981/82
Stationen als Trainer
2000–2004 DEUTSCHE NATIONALMANNSCHAFT (TEAMCHEF)
10/2000–11/2000 BAYER 04 LEVERKUSEN
8/2004–9/2004 AS ROM
9/2005–10/2005 BAYER 04 LEVERKUSEN
Vizeweltmeister 2002
Weitere Stationen
1996–2000 UND 2005-2018 SPORTDIREKTOR BAYER 04 LEVERKUSEN
SEIT 2018 GESCHÄFTSFÜHRER SPORT BAYER 04 LEVERKUSEN